Die zweite Digitalisierung: eine Revolution für Schweizer KMU

Künstliche Intelligenz markiert einen radikalen Wendepunkt in der digitalen Transformation von Unternehmen. An der 20. Swiss Digital Conférence in Sierre stellte Delphine Seitiée, Generalsekretärin von Alp ICT, das Konzept der «zweiten Digitalisierung» vor, das Schweizer KMU neue Perspektiven eröffnet. Eine Revolution, die sogar denjenigen den Sprung ermöglicht, die den ersten Schritt der Digitalisierung noch nicht vollzogen haben.

„Heute werden nicht mehr nur Informationen gespeichert, sondern künstliche Intelligenz ermöglicht es, die bereitgestellten Daten zu lesen, zu verstehen und entsprechend zu verarbeiten“, erklärt Delphine Seitiée. Diese zweite Welle oder zweite Digitalisierung unterscheidet sich grundlegend von der ersten, bei der es im Wesentlichen darum ging, Papierdokumente in PDF-Dateien umzuwandeln und Ordner auf Servern zu speichern.

Vom wissenschaftlichen Handwerk zur Forschungsindustrie

Die Zahlen sprechen für sich. Aktuelle KI-Modelle erreichen einen Denkquotienten von 140, was dem IQ der besten 0,1 % der Menschen entspricht. Die KI AlphaFold, die 2024 den Nobelpreis für Chemie gewann, hat innerhalb weniger Monate die Struktur von 200 Millionen Proteinen entschlüsselt – eine Arbeit, für die ein Doktorand zuvor fünf Jahre pro Protein benötigte. „KI kann Zeit komprimieren und jahrelange kostspielige physikalische Tests durch sofortige numerische Simulationen ersetzen”, betont Delphine Seitiée.

Diese Beschleunigung stellt jedoch auch eine grosse Herausforderung dar: „Die Technologie verändert sich alle sechs Monate radikal. Das Paradoxon besteht in der Diskrepanz zwischen der Zeit, die man für die Auswahl, Validierung und Installation einer Software in Unternehmen benötigt – etwa sechs bis zwölf Monate – und der Zeit, die die KI benötigt. In dieser Zeit hat die KI bereits drei Revolutionen durchlaufen.“

Shadow AI: Ihre Mitarbeiter haben sich bereits entschieden

Eine Zahl ist besonders auffällig: 68 % der Mitarbeiter nutzen bereits heimlich KI-Tools wie ChatGPT. Delphine Seitiée bezeichnet dies als „Shadow AI“. „Das ist keine Disziplinlosigkeit. Es ist ein starkes Signal, dass die Mitarbeiter fast nicht mehr auf diese Tools verzichten können, die so effizient sind.“ Als KMU lautet die Botschaft, auf dieses Signal zu hören und diese Nutzung zu begleiten, indem man einfach mit Abonnements beginnt und die Daten sichert.

Der grosse Paradigmenwechsel liegt in der Fähigkeit der KI, unstrukturierte Daten zu verarbeiten. „Früher war der Computer wie blind. Um den Menschen zu verstehen, musste er die Realität in Excel-Tabellen übersetzen. Heute gewinnt die KI an Bedeutung. Sie kann sehen, hören und sehr gut mit all dem Durcheinander um sie herum umgehen”, erklärt die Generalsekretärin von AlpICT.

Diese Revolution ermöglicht es, 80 % der bisher ungenutzten Unternehmensdaten „wiederzubeleben“: 15 Jahre E-Mails, Tausende von PDF-Angeboten, gescannte technische Berichte. „Es handelt sich gewissermassen um Ihr gesamtes Know-how, das in Computerprogrammen nie berücksichtigt wurde und gewissermassen tot war.“

Drei konkrete Fälle von sofortiger Produktivitätssteigerung

Delphine Seitiée stellte drei Beispiele für den erfolgreichen Einsatz von KI in KMU vor. Das erste betrifft ein Sanitärwartungsunternehmen, dessen Techniker um 15 Uhr ins Büro zurückkehren mussten, um Berichte zu schreiben. Jetzt machen sie einfach ein Foto vor dem Heizkessel und diktieren in ihrer Muttersprache, was passiert ist. Die KI transkribiert die Stimme, analysiert die Bilder und erstellt in Echtzeit Berichte von besserer Qualität.

Der zweite Fall betrifft einen Ergotherapie-Verein, der mit einer Sprachbarriere gegenüber seinen Begünstigten konfrontiert war. „Die Lösung kam aus der Praxis. Eine Ergotherapeutin holte einfach ihr Smartphone heraus und nutzte die Sprach-KI, um live zu kommunizieren. Der Begünstigte wird würdevoll empfangen und sofort verstanden.”

Schliesslich erlebt auch der Bereich der Softwareentwicklung einen tiefgreifenden Wandel mit Produktivitätssteigerungen von über 60 %. „Der Entwickler wird mehr zum Architekten. Er verbringt mehr Zeit damit, komplexe Logiken zu entwerfen, zu sichern und zu validieren, was die KI vorschlägt. Wir treten in eine neue industrielle Ära für den Code ein.“

Innovation durch Praxis

Für Delphine Seitiée hat sich der Ansatz grundlegend geändert. „Wir sind von einer Zeit, in der wir die digitale Transformation durchgeführt haben – die Geschäftsleitung entschied über die Software und schrieb sie den Teams vor – zu einer organischen, bottom-up-orientierten Einführung übergegangen. Das Werkzeug liegt in den Händen der Mitarbeiter, und es sind die Teams, die erkennen, wie sie ihre täglichen Aufgaben verbessern können.“

Sie empfiehlt drei konkrete Massnahmen für KMU: „Identifizieren Sie Ihre Dark Data, überprüfen Sie Ihre Shadow AI im Unternehmen und fördern Sie den Einsatz künstlicher Intelligenz für Ihre Mitarbeiter. Innovation entsteht durch Praxis und Erfahrung vor Ort.“

Was die Auswahl der Tools angeht, ist ihr Rat klar. „Man darf sich nicht in seine Lösung verlieben. Man muss anfangen, mehrere Tools zu nutzen, Monatsabonnements abschliessen, sich niemals für ein Jahr binden und bei der Auswahl dieser Tools viel flexibler sein.“

Die „letzte Meile“ – die Stärke der Schweiz

Delphine Seitiée beendet ihren Vortrag mit einem Ausblick auf die Zukunft. Die Schweiz ist sehr stark in der Endbearbeitung. Das zeigt sich in der Uhrenindustrie, in der Mikro-Nanotechnologie, im personalisierten Bankwesen und in den besten Hotelfachschulen. « Sie sollte es daher schaffen, diese generische Technologie der künstlichen Intelligenz in ein robustes, sicheres und perfekt auf unsere lokalen Gegebenheiten und unser Terrain zugeschnittenes Tool zu verwandeln. »

Eine Aufforderung, diese zweite Digitalisierung nicht als Bedrohung zu sehen, sondern als einmalige Chance für Schweizer KMU, ihren traditionellen Wettbewerbsvorteil auszubauen.

Aufgezeichnet am 29. Januar 2026 während der Swiss Digital Conférence.

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